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Neue Hoffnung bei Gold und alte Mechanismen bei den Notenbanken

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2. März 2016 10:13

aus dem BE


Wer glaubt, mit Bargeldabschaffung und Minuszinsen auf breiter Front eine Konsumwelle auszulösen, mag zwar über viel ­abstraktes Wissen ­verfügen, aber über keine Menschenkenntnis.


Oft sind es nicht die großen neuen Erkenntnisse, die nachdenklich machen, sondern die kleinen zufälligen Wahrnehmungen des Alltags. Teil der Medienwelt eines Börsianers ist es, auf den Mailinglisten von Informationsdiensten, Analyse- und Brokerhäusern zu sein. Das Überfliegen all dieser Informationen bei einem Morgenkaffee in den letzten Februartagen lässt dann doch innehalten. Haben wir als Vermögensverwalter nicht viel Energie in unsere Ausbildung gesteckt, in das Analysieren von Geschäftsmodellen, das logische Zusammenfügen von Einflussfaktoren, das Bewerten von Chancen und Risiken – und haben wir die Umsetzung all dieser Fähigkeiten nicht unseren Anlegern versprochen, die uns genau deswegen ihr Geld anvertrauen? Worum ging es aber in all diesen Morgenmails: Was wird EZB-Chef Draghi im März bekannt geben? Gibt es überhaupt genügend Anleihen zu kaufen, wenn das Anleihekauf- Programm ausgeweitet wird? Was sagt der Chef der Bank of Japan? Welcher Indikator in den USA würde FED-Chefin Yellen zu welcher Aktion veranlassen? Aber: Reden wir wirklich noch über die richtigen Dinge? Die Verunsicherung und die Schwankung der Märkte in den vergangenen Monaten ist ein Zeichen dafür, dass dieses Denken in dieser Vereinfachung nicht fortführbar ist – oder vielleicht sogar einen Irrweg darstellt.

Macht der Notenbanken stößt an Grenzen. Die EZB hat durch die Kommentare der vergangenen Wochen einmal mehr eine Erwartungshaltung für die kommende Sitzung im März aufgebaut. Wir sehen das kritisch. Einerseits weil das Aufbauen von Erwartungen die Gefahr von Enttäuschungen in sich trägt, wenn letztendlich das Versprochene nicht restlos eingehalten werden kann. Anderseits weil wir Zweifel haben, dass neue Aktivitäten den gewünschten Erfolg bringen. Der Ölpreis kann nicht durch Gelddrucken stabilisiert werden, sondern einzig und allein durch sinkende Fördermengen. Chinas Wachstum war stark schuldenbasiert und zeigt die für einen Wachstumsmarkt typischen Fehlallokationen und Überschusskapazitäten. Ein Rückbau dieser Entwicklung ist normal, ist nötig, ist schmerzvoll, kann gelingen und braucht vor allem Zeit. Eine Erhöhung des Anleihekaufprogramms der EZB ändert nichts an diesem nicht ausbleibenden Prozess. Die Strategie „more of the same“ kann daher nicht mehr der Königsweg sein. So richtig die Aktionen der EZB im Rahmen der EURO-Krise waren – jetzt sind sie zu hinterfragen. Anstatt an den Märkten immer neue Erwartungen zu schüren, wäre es besser genau diese Erwartungen zu reduzieren. „Liebe Finanzmärkte, liebe Manager der Staatsschulden – Ihr müsst irgendwann wieder lernen, ohne unsere Hilfe zu leben“ wäre die bessere Botschaft – weil sie nicht ausbleiben wird. Außerdem muss die Frage erlaubt sein: Wer immer im Krisenmodus agiert, muss sich überlegen, was er dann noch Neues tut, wenn aus einer eigentlich nur flauen Entwicklung wirklich eine echte Krise werden würde.

EURO-Staatsanleihen gesucht. Wie schon im Jahr 2015 waren auch im bisherigen Jahresverlauf 2016 Staatsanleihen aus der EURO-Zone dank sinkender Zinsen und somit steigender Kurse das beste Segment im Anleihebereich. Als Fondsgesellschaft haben wir deutlich zu wenig davon profitiert, weil wir zu früh skeptisch waren. Dies muss man selbstkritisch festhalten. Andererseits: Wir stehen dazu. In unserem Firmennamen tragen wir das Wort „Investment-Gesellschaft“ und nicht das Wort „Spekulations-Gesellschaft“. Wir wollen keine Staatsanleihen mit Minusrenditen erwerben und dafür unsere Anleger auch noch mit Gebühren belasten. Es fällt uns schwer, eine zehn Jahre laufende Staatsanleihe mit einer Rendite von beispielsweise 0,50 % p.a. erwerben mit der Hoffnung oder der Spekulation, dass die Rendite auf 0,30 % fällt und wir somit Kursgewinne machen. Durch die EZB-Käufe ist jede Bonitätsbewertung außer Kraft gesetzt. Die Relation Risiko zu Ertrag ist zweifelhaft. Wer sich in diesem Markt bewegt muss wissen, dass er auf Gedeih und Verderb den Aktivitäten der Notenbanken ausgesetzt ist – und darauf setzt, dass diese ihre aktuelle Politik unverändert fortführen. Es ist eine Spekulation auf die Verknappung des vorhandenen Materials – aber ist es ein Investment?

Gold mit Lebenszeichen. Was die wirklich neue Erkenntnis war, die gerade im Februar zu einem klaren Lebenszeichen der Goldpreisentwicklung geführt hat, bleibt offen. „Auch wenn Gold in den letzten Jahren enttäuscht hat, so sollte man ihm den Diversifikationseffekt im Depot nicht absprechen“ – so unsere Formulierung in unserem Jahresausblick 2016. Vielleicht ist es aber abseits vieler Argumente viel einfacher. Goldkritiker haben völlig zu Recht immer angeführt, dass Gold keine Zinsen bringt. Hat sich dieses richtige Argument nicht umgedreht? Gold hat zwar noch nie Zinsen gebracht, aber dafür kann es auch nie mit Minuszinsen belastet werden. In vielen technischen Überlegungen von Ökonomen und Notenbankern wird übersehen, dass hinter allen Entwicklungen letztendlich Menschen stehen. Und Menschen entscheiden nicht immer rational, sondern vielmehr emotional. Wer glaubt, mit Bargeldabschaffung und Minuszinsen auf breiter Front eine Konsumwelle auszulösen, mag zwar über viel abstraktes Wissen verfügen, aber über keine Menschenkenntnis.

Geduld und Gelassenheit. Wir glauben, dass die globalen Finanzmärkte seit Sommer vergangenen Jahres in eine neue Phase eingetreten sind. Einfach die Welle des billigen Notenbankgeldes mitzureiten, wird für erfolgreiche Geldanlage in Zukunft nicht mehr reichen. Das Verstehen von Fundamentaldaten muss auf Sicht einfach wichtiger sein als das Antizipieren der nächsten Notenbankaktivität. Dieser Übergangsphase muss man Zeit geben. Abseits der Staatsanleihemärkte werden etwa im Bereich riskanterer Unternehmensanleihen Risiken endlich wieder bepreist. Und dies ist gut so. Die Geschichte lehrt uns, dass man durch Eingriffe in den Markt nötige Anpassungen niemals verhindern, sondern immer nur hinauszögern kann. Selbst China wird dieses Grundgesetz nicht aus den Angeln heben können.

Wir kommentieren daher das aktuelle Umfeld bewusst unaufgeregt und sachlich. Mut zur Meinung und Hausverstand sind die Tugenden, denen wir uns verpflichtet fühlen. Wie eingangs beschrieben haben wir viel Energie in unsere Ausbildung gesteckt, in das logische Zusammen- fügen von Einflussfaktoren, in das Abwägen von Chancen und Risiken. Und dies können wir nur umsetzen, wenn die Märkte so frei von Eingriffen sind, dass das Eintreten von Chancen und Risiken auch zugelassen wird.

Mehr finden Sie im neuen 3 Banken-Generali Invest-Fondsjournal http://goo.gl/nSeGF2






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