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Draghi, China, Öl & Co

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1. Februar 2016 12:41

aus dem BE


„Spiele werden von jenen Spielern ­gewonnen, die auf das Spielfeld achten und nicht von jenen, deren Blick an der Anzeigentafel klebt.“


Langjährige erfahrene Börsianer wissen, dass Emotion und Psychologie beständiger Teil der Preisbildung an den Aktienbörsen sind. Dies hat eine tief menschliche Ursache, war immer so und wird immer so sein. Neu ist vielleicht lediglich, dass Entwicklungen wie der zunehmende Computerhandel oder volumenschwere Indexfonds Marktentwicklungen immer mehr verstärken – in beide Richtungen. Die Börse handelt zudem nur bedingt das heutige Umfeld, die Börse handelt vielmehr Erwartungen. Damit einher geht die Sehnsucht jedes Investors nach Planbarkeit, nach klaren Aussagen, nach Fakten, mit denen man sich über welchen Detailzugang auch immer eine persönliche Meinung bilden kann. Eine schlechte, aber dann wenigstens wieder berechenbare Neuigkeit kann daher besser auf- genommen werden als das Gefühl von Unsicherheit und von Unkenntnis über die wahre Faktenlage. Viele an uns gerichtete Anlegerfragen konzentrieren sich daher auf die Frage, was denn nun genau der Grund sei für den schwachen Jahresauftakt an den Börsen. Es gibt nicht den einen klaren Grund. Es ist vielmehr die Summe an Unsicherheiten, der Mangel an klaren Fakten.

Unsicherheit Ölpreis. Das Lesen von Studien zur Verfestigung der eigenen Meinungsbildung ist unabdingbare Basis für jeden Börsianer. Beim Ölpreis bleibt für mich nach über 25 Jahren Markt- und Berufserfahrung jedoch ein mittlerweile klares Fazit. Alles, was ich in diesen vielen Jahren über die weltweiten Ölreserven gelesen habe, war schlichtweg falsch und rückwirkend betrachtet reine Zeitverschwendung. Liegt es daran, dass die Analysten den technologischen Fortschritt in den Möglichkeiten der Förderung massiv unterschätzt haben? Oder liegt es daran, dass eine kartellähnliche Vereinigung uns womöglich aus reinem Eigeninteresse eine Ölknappheit eingeredet hat, die es vielleicht gar nie gegeben hat und unmittelbar auch nicht geben wird? Oder sehen wir ganz einfach einen weltpolitischen Machtkampf um Marktanteile mit dem ursprünglichen Ziel, den Schieferöl-Boom in den USA einzudämmen und gleichzeitig Russland zu schwächen? Suchen Sie sich eine Antwort aus – wahrscheinlich treffen alle drei zu einem gewissen Teil zu. Die Reaktion der Börse in den ersten Wochen des Jahres ist allerdings klar. Fällt der Ölpreis, dann fallen die Börsen. Erholt sich der Ölpreis, dann steigen die Börsen. Wir haben an dieser Stelle wiederholt darauf hingewiesen, dass mit einer globalen Brille betrachtet, die Schäden, die ein tiefer Ölpreis auslöst, größer sind als die sicher unbestreitbaren Vorteile für den Konsumenten. Die These, wonach billiges Öl die Weltwirtschaft antreibt, ist so kurz gefasst ein Irrweg. Eine nachhaltige Börsenerholung wird daher nur stattfinden, wenn der Ölpreis sich nachhaltig stabilisiert.

Unsicherheit China. Wenn China nach neuesten Schätzungen nur mehr knapp unter 7 % wächst, dann kann man das auf den ersten Blick vor allem als Europäer als Jammern auf wahrlich sehr hohem Niveau bezeichnen. Die oft gestellte Frage: Wie kann solch ein Wachstum globale Börsenunsicherheiten auslösen? Der erste Blick greift aber zu kurz. Einerseits wurde auch das Wachstum in China von einem massiven Aufbau der Verschuldung begleitet, was so in dieser Form nicht fortgeführt werden kann. Anderseits bleibt auch bei der Bekanntgabe der Zahlen immer wieder ein Beigeschmack. Die USA sind Vorreiter in vielen Statistiken, wöchentlich wird eine Zahl, eine Umfrage, ein Indikator bekanntgeben. Dennoch gibt es im Nachhinein teilweise erhebliche Revisionen des Wirtschaftswachstums – eben weil die korrekte Erfassung eine komplexe Angelegenheit ist. Im Riesenreich China gibt es mit all seinen großen Unterschieden diese Revisionen kaum. Meist tritt das ein, was von der chinesischen Führung vorausgesagt wurde. Dies ist statistisch hochgradig unwahrscheinlich. Spricht man mit vor Ort tätigem österreichischen Unternehmern, oder macht man sich die Mühe mit Quervergleichen wie Einfuhr- oder Ausfuhrstatistiken, dann gibt es doch erhebliche Ungereimtheiten, die nachdenklich bis skeptisch machen. Daher ist es auch hier ähnlich wie beim Ölpreis: Kennen wir die Wahrheit oder übernehmen wir einfach ungeprüft die veröffentlichte Meinung? Die Kapitalabflüsse aus China sind beträchtlich, die chinesische Währung wird wohl weiter abwerten. Wie in unserem Jahresausblick zu Jahresbeginn beschrieben wird China bis auf weiteres eher ein Belastungsfaktor bleiben.

Draghi bleibt auf Kurs... Apropos Jahresausblick. „Die EZB bleibt auf Kurs – kann aber kaum mehr positiv überraschen“ – so unsere Formulierung vor vier Wochen. Bereits im Dezember 2015 hatte die EZB angekündigt, das Anleihekaufprogramm bis März 2017 zu verlängern und den negativen Einlagenzins für Gelder, die Banken bei der EZB parken, zu erhöhen. Wenige Wochen später – Mitte Jänner 2016 – hat Draghi bereits schon wieder nachgelegt. Man werde im März eine weitere Ausweitung der Programme diskutieren – so seine Ansage. Die Hektik in den Handlungen ist irritierend und nur bedingt nachvollziehbar. Wir wünschen uns weniger Abhängigkeit von den Notenbanken – und erreichen immer mehr Anhängigkeit. Wir sollten einfach nicht bei jeder Marktschwäche auf ein neues EZB-Programm hoffen. Wir sollten uns auch nicht japanische Verhältnisse wünschen. Die dortige Notenbank – die Bank of Japan – investiert mittlerweile auch in erheblichem Ausmaß in den heimischen Aktienmarkt. Ist dies wirklich die Aufgabe einer Notenbank? Wohl nicht. Abgesehen davon: Welches Ausstiegsszenario hat die Notenbank?

Angenommen die EZB erhöht im kommenden März das Kaufprogramm – ändert dies etwas an der Lage in China, am Ölpreis, an der politisch komplexen Lage im arabischen Raum? Kommt deswegen wirklich die herbeige- sehnte höhere Inflation?

„Spiele werden von jenen Spielern gewonnen, die auf das Spielfeld achten und nicht von jenen, deren Blick an der Anzeigentafel klebt.“ (Warren Buffett). Die Schwankungen des Jänner werden uns weiter begleiten – in beide Richtungen. Der Blick auf die Anzeigentafel, auf den DAX-Stand von heute, bringt keinen Mehrwert und ist nur eine Momentaufnahme. Der Blick auf das Spielfeld ist entscheidend – vieles ist derzeit in Bewegung und ob die Taktik der letzten Jahre die richtige Antwort ist bleibt dahingestellt.

Wir sind wie aus unserem Jahresausblick abzulesen vorsichtig in das Jahr gestartet und behalten dies bis auf weiteres bei. Dennoch - trotz aller aktueller Unsicherheiten: Die Planbarkeit, die wir bei Öl und China vermissen, finden wir am ehesten in gut geführten global aufgestellten Unternehmen – wenn möglich auch noch mit Dividenden, die deutlich über den Erträgen im Zinsbereich liegen. Sich geduldig auf die sprichwörtliche Lauer zu legen, kann daher auch eine logische Strategie 2016 sein.

Mehr finden Sie im neuen 3 Banken-Generali Invest-Fondsjournal http://goo.gl/Zjn8IQ






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