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Mütterchen mit ­Krallen…

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16. Dezember 2015 10:39

aus dem BE


‘Außerbörslich’ ist mit Franz Kafka in Prag unterwegs


Zlata Praha - das goldene Prag, und Franz Kafka, sein berühmter Sohn. Auf der einen Seite die Stadt, architektonisch und historisch ein Juwel, auf der anderen der Schriftsteller, heute der meistgelesene in deutscher Sprache, aber zu Lebzeiten weitgehend unbekannt und unverstanden, da seiner Zeit meilenweit voraus.

Die Metropole an der Moldau stand zur Zeit Kafkas, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, zwar eindeutig im Schatten des kaiserlichen Wien, war aber in den Jahrhunderten davor immer wieder zentraler Schauplatz der europäischen Geschichte gewesen. Man denke nur z.B. an den Prager Fenstersturz, der den 30-jährigen Krieg auslöste.

Kafka selbst schrieb über Prag, es sei „ein Mütterchen mit Krallen, das nicht loslässt“. In der Tat hatte er zu seiner Heimatstadt ein schwieriges Verhältnis, als deutschsprechender Jude war er im doppelten Sinn Außenseiter. Und die böhmische Hauptstadt tat sich später, nach dem 2. Weltkrieg, schwer mit ihrem berühmten Sohn. Lange Zeit wurden seine Spuren dort weitgehend verwischt, erst nach 1989 begann sich das langsam zu ändern. Das war wohl auch dem zunehmenden Tourismus geschuldet, denn viele Gäste erkundigten sich nach den Orten, die mit Kafka in Verbindung stehen. Da erkannte auch die tschechische Hauptstadt, dass sich mit dem Autor gut verdienen lässt.

Heute kann man in Prag u.a. das Geburtshaus Kafkas besichtigen, komplett mit Kaffeehaus, oder auch die besuchenswerte Buchhandlung der Franz Kafka-Gesellschaft. Am besten kann man Kafka aber wohl in dem ihm gewidmeten Museum auf der Mala Strana (der Kleinseite jenseits der Moldau) nachspüren. Das Museum ist in einer ehemaligen Ziegelbrennerei untergebracht und schafft vor allem eines - eine kafkaeske Atmosphäre! Die Gänge sind dunkel, die Geräuschkulisse unheimlich, und einige der Exponate werden in aufgezogenen Schubladen von Karteikästen präsentiert. Die wohl berühmteste Passage, die Kafka je geschrieben hat, die Türhüterlegende, ist einerseits auf einer großen Wandtafel nachzulesen. Andererseits gibt es im Museum eine Wendeltreppe, die durch Glaswände abgetrennt und daher nicht zugänglich ist!

Die komplexe Persönlichkeit des Autors wird auch heute noch in seinen Werken mehr als offensichtlich. Als Jurist arbeitete er bis zu seinem viel zu frühen Tod an Tuberkulose in einer Versicherung. Damit ist bereits ein zentrales Bild umrissen, nämlich das des „Beamten bei Tag“ und des „Schriftsellers bei Nacht“. Durch seine berufliche Tätigkeit entwickelte Kafka eine profunde Kenntnis der Bürokratie, ein Thema, das in seinen Erzählungen immer wieder vorkommt. Der einzelne steht hilf- und machtlos einer im Grunde nicht greifbaren Maschinerie gegenüber, gegen die er keine Chance hat. Gerade dieses Thema machte Kafka wegweisend für die Literatur des 20. Jahrhunderts, und es ist bis in unsere Tage relevant, von Google bis Facebook.

Ein weiteres, zentrales Motiv Kafkas ist das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, das ihn für viele moderne Kritiker in die Nähe eines anderen Vordenkers des frühen 20. Jahrhunderts rückt, nämlich von Sigmund Freud. Legendär ist auch Kafkas schwieriges Verhältnis zu Frauen. Er war zweimal verlobt, aber nie verheiratet. Zu sehr fürchtete er wohl, dass die Ehe ihn am Schreiben hindern könnte.

Am Ende blieben viele seiner Werke Fragmente, und er hat ja auch verfügt, dass diese nach seinem Tod vernichtet werden sollen. Sein Freund und Testamentsvollstrecker Max Brod folgte diesem Wunsch aber nicht, sondern veröffentlichte die Texte, die einfach und klar, dabei aber doch so verstörend und alptraumhaft sind. Damit machte Max Brod der Nachwelt einen Autor zugänglich, den viele als den einflussreichsten des 20. Jahrhunderts einstufen. 

Quellen: Franz Kafka und sein Prag, von Harald Salfellner - The Readers’s Companion to World Literature

Der Autorin auf Twitter folgen:@Monika_Rosen



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Foto:  Erich Jezek
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