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China: Vom Hoffnungsmarkt zum Belastungsfaktor?

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2. September 2015 10:55

aus dem BE


Ausgelöst durch seinerzeit hohe ­Kapitalzuflüsse von vor allem billigem US-Geld, haben viele der ­aufstrebenden ­Länder vergessen, ihre Hausaufgaben zu machen – ­politisch und ­wirtschaftlich.


Was haben die Finanzmärkte mit einem Puzzle-Spiel und Dominosteinen gemeinsam? Geldanlage bedeutet, ähnlich wie bei einem Puzzle aus den vielen vorliegenden und auf den ersten Blick oft unklaren Informationen ein stimmiges Bild zu entwickeln. Dabei zählt der Blick auf die Gesamtheit – und nicht das Starren auf ein einzelnes Puzzle-Stück. Fällt ein Dominostein, dann kommt auch sein Nachbar ins Wanken, obwohl er gerade noch sicher stand. Auch an den Finanzmärkten lösen Entwicklungen stets Folgewirkungen aus und daher können auch Thesen ins Wanken geraten, die gerade noch schlüssig waren. Reagieren ist daher oft wichtiger als Agieren. Vermögensverwalter sind oft mit der Kundenerwartung konfrontiert, die Zukunft vorhersehen zu können. Aber das können wir nicht. Wir sind keine Hellseher. Wir können nur Informationen verarbeiten, Schlüsse daraus ziehen, ein Weltbild entwickeln und darauf achten, was fallende Dominosteine auslösen könnten. Mit steigender Berufserfahrung nimmt der Glaube an das exakte Vorhersehen der Zukunft stetig ab. Investmentlegenden wie Warren Buffet haben Kurzfristprognosen längst gänzlich aufgegeben. Gerade dies zu erkennen und sich einzugestehen ist aber die nötige Basis für nachhaltiges Handeln.

China als „game changer“? Wissen Sie noch, was die Finanzmärkte im Juni 2013 massiv beschäftigt hat? Der damalige FED-Chef Ben Bernanke hat mit seinen Kommentaren über ein mögliches Ende der US-Tiefzinspolitik für eine deutliche Korrektur an den Aktien- und auch an den Anleihemärkten gesorgt. Und heute – exakt zwei Jahre später? Die Leitzinsen sind immer noch nicht erhöht – und die Renditen länger laufender Staatsanleihen befinden sich im Seitwärtstrend. Mehr ist nicht passiert. In der EURO-Zone ist von einer ähnlichen Entwicklung auszugehen. Die Renditetiefs liegen wohl hinter uns. Negative Renditen über weite Teile des Staatsanleiheuniversums machen auch ökonomisch keinen Sinn. Weitere deutliche Zinsanstiege am langen Ende kämen für die Staatsfinanzen vieler Länder aber wohl viel zu früh und werden daher auch nicht stattfinden. Seitwärts unter Schwankungen ist daher unsere Markterwartung. Zinswenden brauchen Zeit.

Wir haben in den vergangenen Monaten an dieser Stelle wiederholt über Themen wie Griechenland oder Russland/Ukraine diskutiert und dabei stets einen eher gelassenen Standpunkt eingenommen. Beide Problemfelder sind zuletzt etwas aus den Medien verschwunden, beide werden wieder auftauchen, wann auch immer. Letztendlich waren und sind dies aber vor allem politische Ereignisse mit weitgehend nur regionalen Auswirkungen. Die jüngste Aktienmarktkorrektur dagegen ist ernster. Es geht nicht um regionale Politik, es geht um die Verfassung der globalen Wirtschaft. Die von den Chinesen zugelassene Abwertung des Yuan war angesichts der vorangehenden Entwicklung verständlich und auch von der Dimension sicher nicht dramatisch, letztendlich aber wohl der sogenannte „game changer“ mit Folgewirkungen. Grundsätzlich schon lange bekannte Problemfelder im komplexen internationalen Wirtschafts- und Finanzgefüge wurden so wieder allen vor Augen geführt und vom Markt abrupt gepreist. Ein Rädchen greift dann ins andere – und es ist letztendlich nicht immer ganz klar, welches Rad gerade die wirklich treibende Kraft ist.

„Rad 1“: Emerging Markets schwächeln. Ausgelöst durch seinerzeit hohe Kapitalzuflüsse von vor allem billigem US-Geld haben viele der aufstrebenden Länder vergessen ihre Hausaufgaben zu machen – politisch und wirtschaftlich. Die Ströme haben sich zuletzt umgedreht, Geld fließt ab. Von Brasilien über Südafrika, Türkei bis Indonesien oder Malaysia haben die jeweiligen Landeswährungen massiv im Vergleich zum US-Dollar abgewertet. Viele dieser Länder und auch viele Unternehmen aus diesen Ländern haben zudem Schulden in US-Dollar begeben, was zuletzt den Schuldenstand deutlich erhöht hat und die Lage weiter verkompliziert. Einst als Lokomotive der Weltwirtschaft betrachtet, sind viele dieser Länder aktuell eher Sorgenkinder.

„Rad 2“: China stört die starke eigene Währung. Dass Japan die eigene Währung bewusst abwertet und die Währungen der asiatischen Nachbarn allesamt schwächeln, kann China rational betrachtet aus Wettbewerbsgründen nicht wirklich gefallen. Problem ist auch weniger der Schritt an sich; Problem ist vielmehr die Unsicherheit und auch die Kommunikation. Als einmaliger Schritt bezeichnet, folgen an den nächsten beiden Tagen zwei weitere. Börsenrückgängen mit Kursaussetzungen und Verkaufsverboten zu begegnen ist auch wenig visionär. Wie stark wächst China wirklich? Darüber gibt es erhebliche und auch berechtigte Diskussionen und Zweifel. Der Verfall der Rohstoffpreise gibt als Indikator jedenfalls zu denken. Viele Marktteilnehmer haben zuletzt realisiert, dass sie sehr viel von China erwarten, aber sehr wenig über China wissen.

„Rad 3“: Sorge um Aussichten der Weltwirtschaft. Wenn China weniger stark wächst, die Emerging-Markets insgesamt eher schwächeln und auch in Japan keine echten ­Fortschritte erkennbar sind, dann wird das Wachstumspotenzial der Weltwirtschaft hinterfragt – und damit auch das Gewinnsteigerungspotenzial vieler Unternehmen. Dies hat der Aktienmarkt zuletzt innerhalb weniger Tage gepreist. Sicherlich oft sehr oberflächlich und nicht immer rational auf das einzelne Unternehmen eingehend - zumal die Lage in den USA und auch in Europa zuletzt durchaus solide war. Aber bei den in den USA oder in Europa ansässigen multinationalen Konzernen drücken die schwachen Währungen der Exportmärkte klarerweise auf die Marge.

„Rad 4“: Rohstoffpreise im Abwärtstrend. Sinkender Wirtschaftsoptimismus bei gleichzeitigen Überkapazitäten in der Förderung sind eine fatale Kombination, vor allem für Öl. Ob die Gegenbewegung der letzten Tage eine Trendwende, ist bleibt abzuwarten. Die These vom „Wachstumsturbo billiges Öl“ greift aber jedenfalls zu kurz. Es gibt viele Gewinner, es gibt aber auch viele Verlierer. Viele durch Öleinnahmen gespeiste Staatsfonds waren in den vergangenen Jahren stabile Investoren am globalen Aktienmarkt. Dies würde sich bei dauerhaft tiefen Ölpreisen wohl verändern.

„Rad 5“: Die US-Notenbank ist im Dilemma. Angesichts der Entwicklung am US-Arbeitsmarkt hätte die US-Notenbank die Zinsen längst erhöhen müssen. Das Zögern basiert wohl auf der Erkenntnis, dass eine damit provozierte weitere Dollar-Stärke die vorhin beschriebenen Effekte, vor allem was die Währungen der Emerging-Markets betrifft, verstärken würde. Ob im September der im Prinzip angekündigte erste Zinsschritt umgesetzt wird, ist offen. Es würde der Glaubwürdigkeit der FED gut tun, einen ersten Schritt zu setzen. Was die Marktreaktion auf ein Hinauszögern der Zinserhöhung betrifft, sollte man sich vor vorschnellen Festlegungen hüten. Worte bewegen oft mehr als Taten. Würde die FED das Hinausschieben etwa „mit Sorgen über die Weltwirtschaft“ begründen, so scheint in der aktuellen Stimmungslage eine positive Aktienmarktreaktion nicht zwingend logisch.

„Rad 6“: Ziele der EZB werden konterkariert. Die Grundziele des Anleihekaufprogramms waren eine Schwächung des EURO und eine Erhöhung der Inflationserwartungen. Letztere sind aufgrund der Ölpreisrückgänge nunmehr wieder im Sinken begriffen. Aufgrund des Währungsverfalls der Emerging-Markets ist der EURO im Vergleich zu diesen Ländern sehr stark – gerade in den vergangenen Wochen.

Fazit 1 – Volatilität wird vorerst bleiben. Im Anleihebereich sind durch die Vorgaben der Regulatoren die Handelsbücher der Banken global massiv geschrumpft. Damit fällt ein oft stabilisierender Marktteilnehmer zunehmend weg, diese Liquidität fehlt und erhöht die Volatilität. Von den Regulatoren gut gemeint, aber das gegenteilige Ziel erreicht. Im Aktienbereich werden wohl weiter die vielen computerunterstützten Handelssysteme für Marktreaktionen in beide Richtungen sorgen.

Fazit 2 – Höhere Zinsen in weiter Ferne. Trotz rekordtiefer Zinsen keine echte globale Wachstumsdynamik – deutlich höhere Zinsen am kurzen Ende sind in weiter Ferne. Anleger werden daher noch für geraume Zeit vor der Entscheidung stehen, entweder das „Nullzins-Umfeld“ zu akzeptieren oder über risikoreichere Investments und das Aushalten der damit verbundenen Schwankungen höhere Renditen anzustreben. Der Raum zwischen diesen beiden Polen ist kaum mehr vorhanden. Der Umgang mit Korrekturen ist immer auch ein Spiegelbild der eigenen Risikotragfähigkeit.

Fazit 3 – Korrektur – nicht mehr und nicht weniger. Mit der eingangs beschriebenen Berufserfahrung und dem Wissen über die begrenzte Möglichkeit in die Zukunft zu blicken sind Kurzfristprognosen nicht möglich und daher auch wenig seriös. In einigen Wochen wird der Blick wieder klarer sein. Eine Korrektur ist noch lange kein Bärenmarkt. Auf Sicht werden Anleger wohl wieder vermehrt realisieren, wie einzementiert tief vor allem die kurzen Zinsen in der EURO-Zone sind und dass viele Aktien, auch nach der wohl kommenden Kürzung mancher Gewinnerwartung, immer noch Dividendenerträge von einem Mehrfachen des möglichen Anleihezinsertrags bringen.

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