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Brasilien: Die „schmutzige Liste“ 2014

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5. November 2014 11:41

Brasilien schaffte zwar am 13. Mai 1888 die Sklaverei als letzter Staat in Südamerika offiziell ab, doch auch 2014 behandelt eine Reihe brasilianischer Unternehmen ihre Mitarbeiter noch wie Sklaven. Alle zwei Jahre veröffentlicht das brasilianische Arbeitsministerium eine neue „schmutzige Liste“ („lista suja“), auf der alle Unternehmen aufgeführt sind, welche ihre Mitarbeiter ausbeuten und zum Arbeiten unter sehr gefährlichen und menschenunwürdigen Bedingungen bzw. zum Abzahlen von Schulden gegenüber dem Arbeitgeber zwingen.

Bei der „schmutzigen Liste“ 2014 fällt auf, dass drei brasilianische Großkonzerne, nämlich OAS Group (Baukonzern), PDG (Baukonzern, Immobilienmakler) und Tenda (auf Sozialwohnungsbau spezialisierter Baukonzern) erstmals auf der „lista suja“ stehen. 91 Unternehmen wurden der Liste hinzugefügt, welche nun 609 Einzelpersonen und Firmen umfasst. 27% der Unternehmen auf der „schmutzigen Liste“ befinden sich im brasilianischen Bundesland Para (v.a. Viehzucht-Großbetriebe), 11% im Bundesland Minas Gerais, 9% im Bundesland Mato Grosso und 8% im Bundesland Goias.


Der Vergleichschart zeigt die Situation Brasiliens im Vergleich zum globalen Markt.

Die brasilianische Regierung vertraut nicht auf freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen (wie in vielen Ländern üblich), sondern stellt seit Mitte der 1990er Jahre alle Arbeitgeber, welche sich schwere Menschenrechtsverletzungen zuschulden kommen lassen, mit der „schmutzigen Liste“ öffentlich bloß, sobald Arbeitsinspektoren und Staatsanwälte genügend Beweise gefunden haben. Ein Unternehmen wird erst dann von der „schmutzigen Liste“ gestrichen, wenn es sämtliche Strafen, Löhne und Sozialabgaben vollständig gezahlt hat und die Behörden bei laufenden Inspektionen innerhalb einer zweijährigen Bewährungsfrist keine neuen Verstöße mehr aufdecken.

Die brasilianische „schmutzige Liste“ ist so effektiv, weil sie den Unternehmen nicht nur erhebliche Reputationsschäden zufügt, sondern auch wirksame wirtschaftliche Sanktionen umfasst. Unternehmen auf der „schwarzen Liste“ dürfen keine neuen Kredite von staatlichen/staatsnahen Banken, wie der Caixa Economica Federal oder Banco do Brasil, erhalten. Dies führt in den meisten Fällen dazu, dass sich auch private Banken weigern, Darlehen an die betroffenen Unternehmen zu vergeben. Zudem sind die Unternehmen auf der „schmutzigen Liste“ von der Teilnahme an allen Ausschreibungen für öffentliche Projekte, wie dem Programm „Minha Casa, Minha Vida“ zum Bau von Sozialwohnungen ausgeschlossen.

Sklavenarbeit kommt nicht nur in Agribusiness-Unternehmen in abgelegenen Landesteilen oder dem Bergbau vor, sondern wird auch in den Städten Brasiliens zu einem immer größeren Problem, da die FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 zu einem großen Bauboom führten. Opfer von Sklavenarbeit werden nicht nur Land- oder Bauarbeiter und Bergleute, sondern auch Arbeiter in der brasilianischen Textilindustrie. In Sao Paulo, der reichsten Stadt Südamerikas, arbeiten tausende illegaler Einwanderer aus Bolivien unter unmenschlichen Bedingungen in illegalen Textilbetrieben. Diese Sklavenarbeiter schulden ihren Menschenschmugglern viel Geld, besitzen keine Dokumente und trauen sich deshalb nicht, die brasilianischen Behörden um Hilfe zu bitten. Das brasilianische Arbeitsministerium gewährt jedoch allen ausländischen Sklavenarbeitern, welche es bei Inspektionen entdeckt und befreit, ein Bleiberecht in Brasilien. Doch leider wissen dies viele Sklavenarbeiter nicht. Das Arbeitsministerium hat seit 1995 über 46.480 Sklavenarbeiter aus unmenschlichen Arbeitsbedingungen befreit, durchschnittlich 5 pro Tag.


Brasilien-Fonds erzielen dzt. ein schlechtes FER Fonds Ratingergebnis.

Zahlreiche angesehene Unternehmen, welche auf der „schmutzigen Liste“ landen, haben Aufträge an Subunternehmen vergeben, ohne diese ausreichend zu kontrollieren. MRV Egenharia, das größte auf Sozialwohnungsbau spezialisierte Bauunternehmen Brasiliens, wurde zweimal auf der „schmutzigen Liste“ geführt, weil Subunternehmer Arbeiter misshandelt hatten. – OAS SA baute zwei Fußballstadien für die Weltmeisterschaft und geriet wegen zu langer Arbeitszeiten und unmenschlicher Arbeitsbedingungen auf die „lista suja“. OAS SA bestreitet die Vorwürfe und erwirkte eine einstweilige Verfügung. Auch Tenda und PDG, welche wegen Problemen mit Baustellen im Bundesland Minas Gerais auf die Liste kamen, behaupten ihre Unschuld. – Besonders häufig gelangen Kleinunternehmen, welche Holzkohle für die Roheisenerzeugung unter unmenschlichen Bedingungen produzieren, auf die „schmutzige Liste“.

Die Strategie der brasilianischen Regierung zur Bekämpfung der modernen Sklaverei ist effektiv, auch wenn angesehene Unternehmen unerwartet auf der „lista suja“ landen können, wenn sie ihre Subunternehmer bzw. Lieferanten nicht gründlich unter die Lupe nehmen.

Mehr Informationen zum Land Brasilien via u.a. LINK:
Brasilien

Mehr Informationen zu den in den Fonds häufig vorkommenden Brasilianischen Unternehmen:
Vale SA
Petroleo Brasileiro SA

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