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„Grande Nation“ wird zum „Grande Problem“ – Frankreich vor der Rezession

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23. November 2014 18:00



Ohne Frankreich wird es schwer für die Eurozone, wieder Tritt zu fassen


Zwar hatte man mit schlechten Zahlen aus der Eurozone zum vierten Quartal 2012 gerechnet, aber dennoch wurden durch die Bank weg die schon pessimistischen Erwartungen noch um einige Prozentpunkte verfehlt. Unter dem Strich steht für die Eurozone ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den letzten drei Monaten des abgelaufenen Jahres von 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal, für das Gesamtjahr 2012 ergibt sich ein Minus von 0,5 Prozent. Nun ist der Blick zurück ja nicht der, der an den Finanzmärkten zählt, aber auch beim Blick nach vorn bin ich skeptisch, ob die Eurozone schon im laufenden Jahr die von vielen erwartete konjunkturelle Wende hinlegen kann. So fundamental wie von vielen Optimisten angenommen haben sich in meinen Augen die Rahmenbedingungen über den Jahreswechsel noch nicht zum Besseren verändert. Die Schuldenkrise ist zwar in den Hintergrund gerückt, aber keinesfalls gelöst, und die für die Exportwirtschaft so wichtige Weltkonjunktur ist auch noch nicht merklich nach oben gedreht.

Mit dem Blick in die Vergangenheit könnte man bei Betrachtung der BIP-Quartalszahlen für Deutschland (-0,6 Prozent) und Frankreich (-0,3 Prozent) auch zu dem falschen Schluss kommen, die Franzosen hätten zwar das letzte Fußball-Länderspiel gegen Deutschland verloren, aber wirtschaftlich stünden sie besser da. Mitnichten ist dies der Fall. Während ich Deutschland bescheinige, zum Jahresende tatsächlich den Tiefpunkt erreicht zu haben, hat die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas in meinen Augen das Schlimmste noch vor sich. Denn während für Deutschland die Indikatoren aus dem Januar wie der Einkaufsmanagerindex, aber auch der ifo-Geschäftsklimaindex tatsächlich daraufhin deuten, dass die Unternehmen wieder eine stärkere Bereitschaft zu Investitionen zeigen, dreht sich die Abwärtsspirale bei unseren französischen Nachbarn immer weiter nach unten. Der Einkaufsmanagerindex (PMI) ist im Januar auf 42,7 Punkte auf den tiefsten Stand seit März 2009 abgestürzt und entfernt sich damit immer weiter von der Wachstumsschwelle von 50 Punkten.

Aktuelles Beispiel für die desolate Situation der französischen Wirtschaft ist der zweitgrößte Autobauer Europas PSA Peugeot Citroen. Mehr als fünf Milliarden Euro Verlust stehen für 2012 in der Bilanz, was den höchsten Verlust in der Firmengeschichte bedeutet. Hausgemachte Probleme im Unternehmen treffen hier auf eine quasi nicht mehr vorhandene inländische Nachfrage nach seinen Autos. Vor allem die ineffizienten Strukturen innerhalb des Konzerns lassen sich fast uneingeschränkt auf die gesamte Wirtschaft der „Grande Nation“ übertragen. Die Arbeitslosigkeit in Frankreich liegt bei über zehn Prozent und wird weiter steigen. Denn Unternehmen wie PSA sind gezwungen, immer mehr Arbeitsplätze abzubauen, um die Kosten zu senken. Die Lohnstückkosten in Frankreich gehören zu den höchsten innerhalb der Eurozone. Seit dem Jahrtausendwechsel sind sie nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) um sechs Prozent gestiegen, während sie zum Beispiel in Deutschland um neun Prozent gefallen sind. Mit der Einführung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich haben sich die Franzosen einen Bärendienst erwiesen, denn sie ist ein Grund dafür, dass die Produktivität in den letzten zehn Jahren weit hinter derjenigen der  deutschen Wirtschaft zurückgeblieben ist. Besonders hart hat diese Entwicklung den Export getroffen. Während Deutschland seine Ausfuhren seit 1999 um 140 Prozent steigern konnte, beträgt das Plus in Frankreich gerade einmal 57 Prozent.

Frankreich kommt um grundlegende Strukturreformen vor allem auf dem Arbeitsmarkt nicht herum, wenn es in Europa nicht weiter zurückfallen will. Und da kann es keine Lösung sein, wie vom amtierenden Premier Francois Hollande jetzt angekündigt, statt zum Beispiel einer Lockerung des Kündigungsschutzes, das Schließen von Werken durch profitable Unternehmen einfach per Gesetz zu verbieten. Daran kann man einmal mehr sehen. wohin die Reise in Frankreich gehen wird. Damit steigt aber auch die Gefahr, dass die Reise der Eurozone hin zu dynamischem Wachstum länger braucht als bisher angenommen. Denn Frankreich gehört mit 20 Prozent Beitrag zum gesamten BIP der Eurozone neben Deutschland mit 27 Prozent immer noch zu den Schwergewichten.

Noch geht die französische Regierung von einem Wachstum von 0,8 Prozent im laufenden Jahr aus, während die EU-Kommission von nur 0,4 und der Internationale Währungsfonds sogar nur von 0,3 Prozent ausgeht. Es wird also nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Hollande seine optimistische Prognose nach unten korrigieren wird. Dabei braucht Frankreich genau dieses Wachstum, um seine Schulden in den Griff zu bekommen. Noch steht das Ziel einer Neuverschuldung von maximal drei Prozent des BIP im laufenden Jahr. Die Rechnung ist ganz einfach: Fehlt es an Wachstum, muss entweder noch mehr gespart werden oder Steuern und Abgaben müssen noch weiter erhöht werden, um das Defizitkriterium zu erfüllen. Das wiederum würde sich sofort auf den Konsum und damit auf die Wirtschaft niederschlagen.

Bekommt andererseits Frankreich das Defizitproblem nicht in den Griff, droht eine weitere Herabstufung durch die Rating-Agenturen. Standard & Poor’s und Moody’s haben bereits im vergangenen Jahr dem Land die Bestnote entzogen und den Ausblick auf negativ gesetzt. Als Grund nannte Moody’s im November wie nicht anders zu erwarten einen anhaltenden Verlust der Wettbewerbsfähigkeit, hob aber zu diesem Zeitpunkt noch das Bekenntnis der neuen Regierung zu Strukturreformen und Sparanstrengungen hervor. Wir sind jetzt aber schon drei Monate weiter und viel ist seitdem nicht passiert. Bleiben hier die Erfolge auch in den nächsten Monaten aus und rutscht Frankreich im laufenden Quartal in die Rezession, wovon ich ausgehe, ist eine weitere Herabstufung wahrscheinlich. Während der Schritt im November weitestgehend erwartet worden war und deshalb zu keinen großen Bewegungen bei französischen Anleihen und auch beim Euro geführt hat, sollte eine weitere Herabstufung Frankreichs nicht so ohne weiteres nur zur Kenntnis genommen werden. Verlieren die Finanzmärkte ihr Vertrauen in Frankreichs Kreditwürdigkeit, würde das sehr viel Abwärtspotenzial für den Euro freisetzen, ein neues Kapitel in Sachen Eurokrise würde aufgeschlagen. Spätestens dann müsste sich die Gemeinschaftswährung wieder mit Kursen unter 1,30 US-Dollar anfreunden.

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