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EZB verbreitet Zuversicht – Ist die Euro-Krise wirklich schon vorbei?

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11. Jänner 2013 12:09



Zinssenkung in 2013 ist nur verschoben, aber noch lange nicht vom Tisch


Einer meiner Kommentare Mitte Dezember trug den Titel „Euro-Krise nicht mehr auf der Agenda – Scheinbare Ruhe ist gefährlich“. Nun bekommt diese scheinbare Ruhe auch noch den Stempel der Bestätigung durch die Europäische Zentralbank aufgedrückt, in dem diese innerhalb von nur fünf Wochen zumindest verbal aus dem Krisenmodus jetzt wieder in eine „von der Finanzwarte aus betrachteten normale Situation“ zurückkehrt. Auf der gestrigen Ratssitzung erklärte Mario Draghi, es gäbe eine ganze Reihe von Dingen, die besser geworden sind, das Marktvertrauen habe sich „signifikant erhöht“.

Das mag mit Blick auf die Renditen der Krisenstaaten am Anleihemarkt und den Stand der Aktienindizes richtig sein, mit Blick auf die reale Wirtschaft stellt sich für mich allerdings die Frage, was sich seit dem letzten Treffen des EZB-Rats Anfang Dezember und gestern tatsächlich geändert hat. Denn auf diesem Treffen am 06. Dezember malte das 23-köpfige Gremium noch ein sehr düsteres Bild von der konjunkturellen Lage in Europa, korrigierte die Wachstumsaussichten reihenweise nach unten und diskutierte „eingehend“ eine Senkung der Leitzinsen in der Eurozone, verschob den Schritt allerdings vorerst. So zumindest interpretierten dies die Finanzmärkte und erwarteten eine Senkung noch im ersten Quartal des laufenden Jahres. Diese Hoffnungen hat Mario Draghi mit einem Satz auf der gestrigen Pressekonferenz zerstört, als er betonte, dass niemand(!) der 23 Mitglieder einen solchen Schritt gefordert habe. Das kam für mich schon ein wenig überraschend, bedeutet dies doch, dass alle, die diesen Schritt im Dezember noch befürworteten, entweder durch die eingehende Diskussion von ihrer Haltung abgebracht worden sind oder diese über die Weihnachts- und Silvesterfeierlichkeiten Zahlen bekommen haben, die wir noch nicht kennen. Die Zahlen, die ich kenne, bestätigen nämlich genau die Erwartungen und die Befürchtungen, die der EZB-Rat noch vor fünf Wochen richtigerweise für die Eurozone auf den Tisch gelegt hat. Die Wirtschaft der Eurozone schrumpft aktuell, befindet sich in immer mehr Staaten in der Rezession und leidet unter einer Rekordarbeitslosigkeit, die gerade in den südeuropäischen Krisenstaaten wie zum Beispiel Griechenland und Spanien dazu führt, dass mehr als jeder zweite Jugendliche keinen Job hat.

Im Rahmen längst überfälliger Sparmaßnahmen wurden Mindestlöhne gesenkt, Renten gekürzt, im öffentlichen Dienst Beamte entlassen und Bezüge gesenkt, Staatausgaben und damit Investitionen drastisch zurückgefahren und soziale Leistungen gestrichen. All diese Maßnahmen sind nur der Anfang eines Jahre dauernden Prozesses und werden sich in den nächsten Jahren zwangsläufig negativ auf das Konsumverhalten und damit auf das Wirtschaftswachstum in diesen Ländern auswirken. Aber genau dieses Wachstum brauchen die Länder auf der anderen Seite, um ihre Schuldenberge abzubauen, was wiederum notwendig ist, um weitere Hilfen von Dritten zu bekommen. Zugegeben, die Situation an den Anleihemärkten hat sich so verbessert, dass sich Länder wie Spanien wieder zu erträglichen Konditionen selbst Geld am Kapitalmarkt besorgen können, auch erst gestern ist eine Auktion für das Land sehr erfolgreich verlaufen. Dies ist wie von Draghi richtig eingeschätzt, Ausdruck des wieder gestiegenen Vertrauens in die Eurozone, die Krise samt aller ihrer Mitglieder erfolgreich überwinden zu können.

Aber dieses Vertrauen muss sich immer wieder neu verdient und durch Zahlen am Ende bestätigt werden. Denn und da will ich mich eines zugegeben sehr abgedroschenen und etwas weit hergeholten, aber dennoch passenden Zitates bedienen: „Das Kapital der Investoren ist ein scheues Reh.“ Übertragen auf die aktuelle Situation bedeutet dies und das hat uns auch die Vergangenheit gelehrt, das Geld kann schneller wieder aus diesen Ländern abgezogen werden, als es jetzt gerade wieder langsam - ob sicher ist die zweite Frage - wieder hineinfließt. Gerade deshalb würde ich auch unbedingt den weiteren Ausführungen des EZB-Präsidenten eine höhere Aufmerksamkeit schenken, in denen er die „weiter abwärts gerichteten Risiken für den wirtschaftlichen Ausblick der Eurozone“ betonte und warnte, dass eine weiter schleppende Umsetzung der Strukturreformen das Klima länger dämpfen und eine Erholung des Arbeitsmarktes und damit des Konsums verzögern könnten. Denn genau dann, und da bin ich mir sehr sicher, wird das 23-köpfige Gremium nicht mehr einstimmig für stabile Leitzinsen votieren. Der Zeitpunkt einer möglichen Senkung ist allerdings mit dem gestrigen Treffen etwas nach hinten verschoben worden, von der Agenda 2013 gestrichen ist dieser Schritt noch lange nicht.

Der Euro nutzte diesen wieder optimistischeren Grundton der Notenbanker für einen Freudensprung, der auch vollkommen logisch war, denn genau wie ich sind doch viele Euro-Skeptiker auf dem falschen Fuß erwischt worden, was die Einstimmigkeit der Entscheidung im EZB-Rat anging. Wirklich gerechnet mit einer Senkung schon im Januar dagegen hatten wohl die wenigsten. Jetzt bleibt also abzuwarten, ob sich die Märkte weiter durch die ruhige Hand Mario Draghis unter Kontrolle halten lassen und wann sie Bestätigung einer realwirtschaftlichen Stabilisierung einfordern. Denn eines ist auch ganz klar: Ziehen die Zentralbanken, vor allem die Fed und die EZB, wenn auch vorerst nur verbal, aber früher als erwartet die Zügel wieder etwas an, ohne dass sich gleichzeitig eine signifikante Verbesserung der wirtschaftlichen Lage einstellt, könnte die Angst vor einen Stopp der Liquiditätszufuhr den Aktienmärkten vorerst die Grundlage entziehen und damit auch den Euro wieder schwächen. Alles in allem bleibe ich im Gegensatz zur EZB bei meiner Einschätzung aus dem Dezember, die Ruhe in Sachen Euro-Krise ist gefährlich und bietet damit viel Abwärtspotenzial für den Euro.

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