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31. Oktober 2012 17:53
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Die Demontage des potentiellen Idols Felix Baumgartner
Am 27. Oktober erschien in der Kleinen Zeitung ein so genanntes Interview mit dem österreichischen Extremsportler Felix Baumgartner, der nicht zuletzt durch seinen „Red Bull - STRATOS“ Stratosphärensprung internationale Berühmtheit erlangt hatte. Die von einem Redakteur der Kleinen Zeitung Steiermark, Klaus Höfler (Chefredakteur des Wirtschafsmagazin Primus) verfassten vier Interviewfragen umfassen insgesamt 32 Wörter. "Ist ein Wechsel in die Politik eine Option für Ihre Zukunft?" war die Einleitung. Ein Teilsatz einer Antwort veranlasste Höfler gleich zu zwei Veröffentlichungen – neben dem Originalinterview gab es noch einen Extra-Artikel in der Chronik vom 28. Oktober. Aus "gemäßigter Diktatur" dichtete die heimische Medienlandschaft inzwischen den Wunsch nach Hitler. Und wie es dem Menschen Baumgartner dabei geht – das erscheint allen völlig egal zu sein.
„Baumgartner für 'gemäßigte Diktatur'“ war der Titel in der Chronik, „Baumgartner: 'Wir würden eine gemäßigte Diktatur brauchen'“ war der Titel des „Interviews“. Eine geplante Sensation, die große Leserzahlen bringt? Warum operiert die Kleine Zeitung, ein für hohe journalistische Qualität bekanntes und geschätztes Blatt plötzlich in einem Stil, den man sonst nur vom inhaltlich „einfachsten“ Boulevard wie „Österreich“ kennt? Die Veröffentlichung führte zu dem, was nach der entsprechenden Titelgebung zu erwarten war: Alle nennenswerten Medien, vom ORF abwärts, schrieben wortgleich von der Kleinen Zeitung ab. Darüber hinaus befleißigten sich sonst besonders political correcte Blätter der Beifügung von Details, die bestens dazu geeignet sind, das öffentliche Ansehen des Menschen Baumgartner völlig zu demolieren. „A klaner Hitler“ wäre der Wunsch Felix Baumgartners, so unterstellt Hans Rauscher vom Standard. Nicht nur in einem neckischen Fragesatz, sondern auch gleich im Titel. Am 31. Oktober setzt Günter Traxler nach und fragt in der selben Zeitung unter der Headline „'Super-Felix' Baumgartner über Sport und Diktatur“: „Wo bleibt da Hitler?“. Hitler bringt eben Quote. Und Boulevard auch. Hier will man das Feld wohl nicht kampflos der Kronen Zeitung überlassen - die bei diesem Thema interessanter Weise gar nicht mitspielt. Was niemand fragt: Wo versteckt sich bei dieser Posse eigentlich der seriöse Journalismus? Oder auch: Wie hat Baumgartner das eigentlich wirklich gemeint?
Ein selbstgefälliges Korrektiv wacht
über die Einhaltung der Mittelmäßigkeit
Rechtfertigt der Sager tatsächlich die komplette Demontage eines potentiellen Vorbildes für Millionen von Jugendlichen? Die UN wollte Baumgartner nach seinem Sprung zum Jugend-Botschafter ernennen. Wenig verwunderlich, denn diese Welt hat nicht viele friedliche Vorbilder, die durch Disziplin und Fleiß ihr Lebensziel auf eine Art und Weise erreichen, die dazu geeignet ist, die ganze Welt zu inspirieren. Doch leben wir wohl auch in einem Land, wo still und leise das Mittelmaß zum unanfechtbaren Maß aller Dinge geworden ist. Wo offenbar jeder, der aus der Mitte der „ganz normalen Menschen“ auszubrechen droht um „etwas Besonderes“ zu werden, möglichst schnell die selbstgerechte Kraft des Journalisten-Kollektivs erfahren muss. Ein gestrenges und höchst eigendynamisches Korrektiv wacht darüber, dass alle Köpfe gleichermaßen dort bleiben, wo sie hingehören: unten.
Und so muss wohl aus dem "Weltraum-Helden" ein Buhmann werden, so schnell wie möglich. Vielleicht, damit Herr und Frau Österreicher verstehen: Es gibt da nichts zu erreichen, über dem Mittelmaß. Cluburlaub in der Türkei, ein Strandspaziergang zwische Bibione und Caorle und vielleicht noch ein Ausflug auf den Ballermann haben die größten Abenteuer des Lebens zu bleiben. Wer sich darüber hinaus wagt, wird abgewatscht, insbesondere wenn er die Frechheit besitzt, nicht über ausreichende (politische) Bildung zu verfügen, um den Raubtieren der heimischen Journaille Paroli bieten zu können. Der Hang zur Neidgesellschaft macht hier den Applaus des Publikums möglich.
Bei Stichwörtern wie Diktatur
wird zum heiligen Stellvertreterkrieg gerufen
Es erscheint eine Frage der Kultur zu sein. Und von Respekt. Gegenüber so manchem Außenseiter der Gesellschaft wird beides Tag für Tag von genau diesen Zeitungen und ihren moralisch ach so korrekten Autoren eingemahnt. Diese Regeln scheinen hier nicht zu gelten und entlarven somit auch vorangegangene Moralpredigten als hohles Lippenbekenntnis zur Servicierung der vermeintlichen Stammklientel. Bei Stichwörtern wie„Diktatur“ (sonnenklar, Hitler!) wird zum heiligen Stellvertreterkrieg von Links gegen Rechts aufgerufen. Da sind alle Mittel recht, da darf schon einmal jemand brennen. Es ist ja für die gute Sache. Und vielleicht kann man ja auch Mäzen Mateschitz bei der Gelegenheit noch eins reinwürgen. Der es ja gewagt hat, ebenso aus dem Mittelmaß auszubrechen. Der aber im Gegensatz zu Protégé Baumgartner gelernt hat, sich aus dem Licht der Öffentlichkeit zu entfernen und nicht in die Schusslinie profilierungssüchtiger Provinzschreiberlinge zu geraten. Und der erst vor kurzem auf eine vergleichbare Fangfrage sehr direkt geantwortet hat: „Nein, ich könnte nie Parteiinteressen vor objektiv richtige Sachentscheidungen stellen. Ich glaube nicht, dass durch Diskriminierung der Leistung anderer die eigene Leistung besser wird. Ich bin weder ein notorischer Lügner noch ein sich opportunistisch verhaltender Mensch.“
Aus einfachen Verhältnissen zu stammen
ist keine Schande
Eine Eloquenz, über die der ehemalige KFZ-Mechaniker Baumgartner nicht verfügt. Dies als Journalist auszunutzen, könnte man hingegen durchaus als genau jenen Opportunismus entlarven, den beispielsweise Mateschitz ablehnt. Wenn also ein Mensch, der eigentlich aus einfachen Verhältnissen stammt – was mit Sicherheit keine Schande ist sondern auf die Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher zutrifft – eine Aussage wie „gemäßigte Diktatur“ tätigt, dann stellt sich zumindest mir zuerst die Frage: Was soll das eigentlich sein? Diese Bezeichnung gibt es in keinem Lehrbuch für Politikwissenschaften und in keinem Wörterbuch. Es ist also fürs Erste völlig unklar, was darunter zu verstehen ist. Interessiert man sich für die Meinung Baumgartners, kann man aus dem weiteren Gesagten den ungeschickt formulierten Wunsch nach einer Expertenregierung herauslesen. Wobei auch dies eine Interpretation ist. Und bevor ein Journalist interpretiert, hat er nachzufragen. Um Klarheit zu schaffen. Und um seinen Lesern eine möglichst objektive Form der Berichterstattung zu bieten. Nicht nachzufragen kann auf schlechte Ausbildung oder Desinteresse hindeuten. Es kann aber auch, wie im vorliegenden Fall, eine schnelle Rechnung mit hohen Leserzahlen sein. Er hat „Diktatur“ gesagt! Das veröffentlichen wir unkommentiert, den Rest erledigt der Mob. Danke für die Mitarbeit, Herr Baumgartner, auf Wiedersehen und einen schönen Tag.
Ein Re-Check bei Herrn Chefredakteur Höfler
Im Vergleich zu Herrn Chefredakteur Höfler (Kleine Zeitung, Chefredakteur Wirtschaftsmagazin Primus) mag man mir vielleicht vorwerfen, nicht für ein bedeutendes Blatt zu schreiben. Doch die Grundsätze des seriösen Jornalismus, diese habe ich nicht vergessen. Beispielsweise den Re-Check bei der Originalquelle. Im Fall des vorliegenden Artikels direkt bei Herrn Höfler selbst. Dass ich darauf keine Antwort erhalten würde, war mir sonnenklar. Das ist aber nicht weiter schlimm. Denn die Fragestellungen in diesem Lehrstück für journalistische Verhältnismäßigkeit vs. Gier auf Quote können für sich alleine stehen bleiben.
Sehr geehrter Herr Chefredakteur Klaus Höfler ...
… wie kam es dazu, dass ihr Interview mit einer Persönlichkeit, die erst vor kurzem vom UN-Generaldirektor als „mutigster Mensch der Welt“ geehrt wurde, aus nur vier Sätzen mit insgesamt 32 Wörtern bestand?
Haben sie sich auf dieses Interview vorbereitet oder fielen die Fragen spontan? In welchem Umfeld geschah das Interview? Schriftlich, telefonisch, persönlich? Wurde es vor Veröffentlichung nochmals vom Interviewpartner autorisiert?
Was ist ihrer Ansicht nach eine „milde Diktatur“?
Glauben sie, dass der Begriff einer „milden Diktatur“ so weit verbreitet ist, dass er keine erklärende Nachfrage bedarf, wie er zu verstehen ist?
Konnten sie im Zuge ihrer langjährigen journalistischen Erfahrung das Medienecho und die Reaktionen auf ihr Interview im Vorfeld abschätzen?
Welche inhaltliche Qualität, welche neuen Erkenntnisse hatten sie sich erwartet, als sie sich entschlossen, dem ehemaligen KFZ-Mechaniker Baumgartner eine politische Frage zu stellen? Welche KFZ-Mechaniker werden in der Kleinen Zeitung sonst zu politischen Fragen interviewt?
Wie denken sie darüber, dass aus ihrem Interview inzwischen von Herrn Rauscher im Standard ein angeblicher Wunsch nach einem „klanen Hitler“ abgeleitet wurde?
Glauben sie, dass Felix Baumgartner sich tatsächlich einen „klanen Hitler“ zurückwünscht oder hat er vielleicht eine unglückliche Formulierung für den Wunsch nach einer Expertenregierung geäußert?
Hat bei ihrer Publikation ihrer Meinung nach das vorhersehbar große Medieninteresse oder der Informationsgehalt die größere Rolle gespielt?
Weiterführende Links
Das Interview in der Kleinen Zeitung
Chronik-Eintrag in der Kleinen Zeitung
Rauscher im Standard
Traxler im Standard
Mateschitz über Politik, Heute
Originalpublikation
http://www.politisieren.at/felix_baum...





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