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To the limits and beyond

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16. August 2006 10:01

Jeder Hochalpinist kennt das Gefühl: die innere Zufriedenheit und das nicht beschreibbare Hochgefühl nach erfolgreichem Gipfelsturm, den ständigen Kampf gegen Wind, Kälte und Erschöpfung während des Gipfelsturms, oder den Schmerz der Enttäuschung nach Scheitern der Expedition. Dabei geht man sehr oft bis an seine Grenzen und lernt, dass Erfolg oder Misserfolg bei hochalpinen Bergtouren oft nur Sekunden nebeneinander liegen. Solche Erfahrungen prägen den Menschen und relativieren Dinge des täglichen Lebens, des Berufsalltags. Man lernt mit gewissen Dingen im „normalen“ Alltag anders umzugehen und ihnen weniger Wichtigkeit zuzuordnen. Die folgende Geschichte handelt davon...

Meine letzte hochalpine Tour auf den Aconcagua, einem der „Big seven summits“ der Welt und jedem Berg-Afficionado ein Begriff, war für mich so ein Erlebnis, bei dem ich neue Grenzerfahrungen in Bezug auf meine physischen Möglichkeiten gemacht habe. Mit genau 6.962 Meter ist der Aconcagua der höchste Berg Nord- und Südamerikas und liegt in der Grenzzone zwischen Chile und Argentinien. Durch das aride Klima in dieser Region herrschen am Aconcagua Bedingungen, die mit einem 8000er zu vergleichen sind. Bedingt durch die gefürchteten Ostwinde und das sich ständig ändernde Wetter und die extremen Temperaturenschwankungen (+30 Grad am Tag, Minus 20 Grad in der Nacht) ist der Aconcagua ein gefürchteter Berg, an dem viele Expeditionen scheitern. Die Ausfallrate beträgt rund 3 zu 1, wovon ich mir bei meiner Tour über Weihnachten 2005 selbst ein Bild machen konnte.

Die Tour startete am 25.12. 2005 im Aconcagua-Nationalpark auf rund 2.700 Meter Seehöhe und führte uns, meinen langjährigen Bergkameraden Oliver und unseren argentinischen Bergführer Juan, über unseren Almen ähnlichem Gelände zum ersten Lager auf 3.300 Meter. Der nächste Tag glich im wahrsten Sinne des Wortes einem Marathon, galt es eine Strecke von nicht weniger als 40 Kilometer in brütender Sonne bis zum Basislager Plaza de Mulas auf 4.200 Meter zu überwinden. Hier trennt sich bereits die Spreu vom Weizen, viele Touristen, die über keine umfassende Bergerfahrung und körperliche Kondition verfügen, scheitern hier. Das unterscheidet den Aconcagua auch beispielsweise vom „Modeberg“ Kililmanjaro, bei dem sich Touristen in Massen auf den Berg wälzen. Am Aconcagua ist der Andrang noch relativ überschaubar und nur sehr erfahrene Bergsteiger wagen und schaffen den beschwerlichen Anstieg. Bis zum erwähnten Basis-Lager auf 4.200 Meter ist es uns noch sehr gut gegangen. Die Dünnheit der Luft war zwar schon zu spüren, bereitete aber keine allzu großen Probleme. Üblicherweise verbleibt man am Plaza de Mulas 5-7 Tage um sich zu akklimatisieren und an die dünne Luft zu gewöhnen. Da es uns gut ging, blieben wir nur einen Tag hier und wagten nach verpflichtendem ärztlichen Check den Anstieg zum nächsten Hochlager auf 5.600 Meter. Allerdings mussten wir auch sämtliches Gepäck einschließlich Verpflegung, Zelt und Schlafsack selbst tragen, da die von den Einheimischen sehr gut gepflegten Maultiere das Gepäck nur bis Plaza de Mulas transportieren. Mit 23 kg! am Rücken ging es nun steil im trockenen Geröll bergauf. Sengende Sonne, die jede freie Stelle am Körper sofort verbrannte und die immer dünner werdende Luft machten jeden Schritt zur Qual. Man konnte nur sehr langsam gehen, einen Schritt vor dem anderen. Erschöpft in 5.600 Meter angekommen, galt es unser Zelt aufzubauen. Was in „normalen“ Höhen ein Kinderspiel ist, war in solcher Umgebung bei dünner Luft und körperlicher Erschöpfung eine Qual. Immer wieder wurde einem schwindelig und die dünne Luft ließ einen schwer atmen. Das einzig beruhigende war, dass auch der Bergführer teilweise schwer atmete. Nach sehr kalter Nacht mit Minus 20 Grad im Zelt galt es am nächsten Morgen die Zelte abzubrechen und ins nächste Lager auf 6.200 Meter aufzubrechen. Aber es machte sich Kopfweh und Übelkeit breit, ein Umstand, der typisch für solche Hochtouren ist. Aspirin C-Tabletten sind Grundbestandteile jeder Ausrüstung. Ich selbst hatte auch mit diesen Umständen zu kämpfen, mir ging es aber körperlich soweit gut. Und ich sagte mir immer wieder, dass ich hierher gekommen bin, um auf dem höchsten Berg Amerikas zu stehen. Mentale Stärke ist gerade bei solchen Bedingungen unabdingbar und für den Erfolg oder Misserfolg verantwortlich. Meinem Bergkameraden Oliver ging es leider nicht sehr gut, ihm war sehr übel und der Kopf pochte. Er entschloss sich die Tour abzubrechen und wieder ins Basislager Plaza de Mulas abzusteigen. Auch er machte eine neue Grenzerfahrung.

Ich ging nun alleine mit dem Bergführer zum nächsten Lager auf 6.000 Meter hoch. Die Luft wurde immer dünner und der Anstieg immer beschwerlicher. Vor allem der schwere Rucksack und die Tatsache, dass ich durch die Übelkeit zu wenig getrunken hatte, machten mir zu schaffen. Auf 6000 Meter im letzten Lager vor dem Gipfel angekommen musste ich am Abend alles für den bevorstehenden Gipfelsturm am nächsten Morgen vorbereiten. Es war extrem kalt (Minus 25 Grad). Durch die Kälte und den gefürchteten Ostwind, der die ganze Nacht blies und das Zelt fast wegriss, war an Schlaf nicht zu denken. Ich war froh, dass es endlich 4 Uhr früh war und wir den Gipfelsturm beginnen konnten. Leider hatte ich mit dem Problem zu kämpfen, dass ich durch die Übelkeit bereits 2 Tage nichts mehr gegessen hatte und leider auch viel zu wenig getrunken hatte. Normalerweise sollte man in dieser Höhe rund 4 Liter was pro Tag zu sich nehmen. Da mir selbst vor Wasser ekelte, trank ich pro Tag höchstens 0,5 bis 1 Liter. Diese zunehmende Dehydrierung rächte sich letztendlich beim Gipfelsturm. Der Wassermangel und die extrem dünne Luft auf 6.500 Meter machten sich in einer Art „Rauschzustand“ bemerkbar und machten den Anstieg immer beschwerlicher. Aber ich hielt durch und wir schafften nach 10 Stunden Anstieg den Gipfelsturm. Am 30.12.2005 war ich um 16:43 Uhr am Aconcagua auf 6.962 Meter Seehöhe! Ein unbeschreibliches Gefühl, es trotz widrigster Umstände und durch enorme mentale Stärke geschafft zu haben!

Solche Grenzerfahrungen prägen die gesamte Persönlichkeit eines Menschen! Viele Dinge des Alltags relativieren sich, Dinge, denen man früher enorme Wichtigkeit beigemessen hat, werden unwichtig. Und man geht an Probleme im Privat- und Berufsleben völlig anders heran. Nicht zuletzt werden auch in diversen Manager-Seminaren immer wieder die Grenzen, wie etwa durch das Gehen auf glühenden Kohlen etc, ausgetestet. Mir persönlich hat diese Bergexpedition enorm viel Kraft und Stärke gebracht, die ich nun im täglichen Leben, im Beruf und im privaten Bereich, gut nützen kann. Ich würde jedem empfehlen, seine Grenzen zu suchen und, wie auch immer, auszutesten. Und ich plane bereits die nächste Tour...

Michael Buchbauer






Michael Buchbauer (Andritz)
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