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10. November 2009 16:09
DER LETZTE ÜBERLEBENDE INTERNET-DINOSAURIER
Amazon gehört schon zu den Internet-Dinosauriern: Riesengroß und uralt. Die meisten Dinosaurier sind inzwischen ausgestorben: Altavista, Excite, AOL, Infospace, Inktomi, ... Ein paar letzte kämpfen noch ums Überleben, wie beispielsweise Yahoo! und eBay. Doch so schnell, wie man im Internet Erfolg haben kann, so schnell kann man seine Führungsposition auch wieder verspielen. Yahoo! hat es über Jahre nicht geschafft, den Offline-Werbemarkt auf das Internet umzuschreiben. Google hat dies mit AdWords geschafft, Yahoo! ist heute nur noch damit beschäftigt, Werbeplakate auf die langsam seltener werdenden Werbeflächen zu kleben (Banner).
eBay hingegen hatte sich eine quasi-Monopolstellung für Online-Auktionen erkämpft. Doch statt das Auktionsgeschäft auszubauen, wurden neue Abenteuer eingegangen: Skype wurde gekauft, Paypal als Zahlungsmittel groß gemacht. Insbesondere der Vorstoß in den Einzelhandel brachte neues Umsatzwachstum, zerstörte jedoch die für das Internet so typischen großen Gewinnmargen.
Amazon begann als Online-Buchhandel und fügt seither sukzessive neue Geschäftsbereiche hinzu. Dabei ist Amazon bis zum heutigen Tage stets seinem ursprünglichen Geschäftsmodell treu geblieben: Durch gute Kenntnisse über den Kunden kann Amazon extrem günstige Logistikkosten realisieren und bietet somit fast immer nahezu den günstigsten Preis für jegliche Produkte an.
Die Gründerzeit im Internet dauerte nur wenige Jahre. Schon ab Anfang 2000 ging der Eroberungskampf in einen Verteilungskampf über. Amazon hatte bereits große Marktanteile beim Online-
Buchhandel erobert und Investoren wollten nun die Früchte ihrer Investition ernten. Doch Gründer Jeff Bezos hat sich von Anfang an mit seinen Investoren angelegt: Jahr für Jahr forderten sie, abzukassieren, die Gewinnmargen zu erhöhen und weniger zu investieren. Teilweise wurden diese Forderungen sogar quartalsweise auf jeder Analystenkonferenz nach den Quartalsergebnissen diskutiert. Doch Bezos, der selber mit über 20% größer Eigner von Amazon ist, investierte und investierte immer weiter in den Ausbau der Logistik sowie der Software. So ist Amazon heute komfortabel, informativ, günstig und schnell.
Das Resultat: Die operative Gewinnmarge ist mit 4,5% für ein Internetunternehmen extrem gering, doch für einen Einzelhändler in Ordnung. Und noch immer erobert Amazon weitere Marktanteile hinzu, Quelle und Karstadt haben dies am eigenen Leibe erfahren müssen. Längst erhalten Sie bei Amazon nicht mehr nur Bücher, sondern auch Elektronikartikel, Küchengeräte, Drogeriebedarf, Spielsachen, Baumarktartikel und Bekleidung.
Der geniale Schachzug von Jeff Bezos war, vielen Einzelhändlern Amazon als Plattform zur Verfügung zu stellen. Amazon hat da mit der Abwicklung nichts zu tun, das Unternehmen stellt lediglich die Plattform und den rechtlichen Rahmen zur Verfügung. Doch alle Transaktionen laufen über die Amazon-
Software und entsprechend lernt Amazon wieder mehr über die Vorlieben seiner Kunden. Und dieses Wissen kann Amazon sodann dazu nutzen, um die beliebtesten Produkte selbst anzubieten.
Denn je mehr Amazon über die Nachfrageseite weiß, desto gezielter kann es die Logistik, die Lagervorräte, die Produktzusammenstellung etc. danach ausrichten und desto günstiger werden die Stückkosten. Quelle und Karstadt sind nur zwei alte große Versandhändler, die nun die Tore schließen müssen. Kleine Einzelhändler müssen jedoch ihre Flexibilität nutzen, um immer wieder bessere Produkte und günstigere Preise anbieten zu können. Andernfalls werden auch sie von Amazon überrollt. Und für das Überrollen von unzähligen kleinen Einzelhändlern gibt es keine Schlagzeilen.
DAS MANAGEMENT: JEFF BEZOS
Jeff Bezos ist heute 47 Jahre alt. Zwar entspringt er der Generation der Internetgründer, doch in Turnschuhen und T-Shirt hat er niemals gearbeitet. Er war von Anfang an ein Geschäftsmann, der mit Investoren knallhart verhandeln konnte und seine geschäftlichen Interessen zielstrebig verfolgte. Bezos ist keine markante Persönlichkeit, an der man Amazon aufhängen könnte, so wie Apple an Steve Jobs oder Microsoft an Bill Gates. Aber als Gründer, CEO, Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender (ja, das geht in den USA in Personalunion) gibt es niemanden bei Amazon, der nicht nach seiner Pfeife tanzt.
Anders als alle anderen Internetunternehmen hat er nicht die riesigen Gewinnmargen gesucht, sondern war von Anfang an clever genug zu wissen, dass er sich gegen die kleinen Margen der Offline-Welt behaupten muss.
Und anders als alle anderen Internet-Unternehmen hat Jeff Bezos nicht nur die kreative Gründungsphase geleitet, sondern managte auch erfolgreich den harten Verteilungskampf.
Und anders als alle anderen mir bekannten Internetunternehmen hat er sein Geschäftsmodell bis zum heutigen Tage nicht verändert. Er erweitert nur das Produktspektrum.
Der Erfolg des Internetunternehmens Amazon liegt also in meinen Augen zu einem großen Teil darin begründet, dass Bezos zwar das Internet nutzt, aber gleichzeitig die Offline-Welt versteht.
SAUBERE BILANZ ABER HOHES BEWERTUNGSNIVEAU
Langfristige Schulden hat Amazon nicht, es liegen 4 Mrd. USD liquide Mittel auf den Konten und jährlich kommen aus dem freien Cashflow weitere 1,7 Mrd. USD hinzu. Beneidenswert. Der Umsatz wuchs in den vergangenen fünf Jahren mit durchschnittlich 25% p.a., diese Wachstumsrate wird auch für die kommenden 5 Jahre erwartet. Solange die Konjunktur stabil läuft, ist ein KGV von bis zu 50 denkbar.
Derzeit notiert Amazon bereits auf einem KGV von 70. Auf Basis der Schätzungen für 2010 würde das KGV auf 50 fallen. Viel Spielraum für einen weiteren Kursanstieg gibt es da dann nicht mehr.
So ist auch das Bewertungsniveau mit einer Marktkapitalisierung von 50 Mrd. USD für einen Jahresumsatz von 30 Mrd. USD ein stolzer Preis. Da darf dann nicht mehr viel schief gehen bzw. viel Raum für positive Überraschungen gibt es nicht.
GUTES MOMENTUM FÜR DIE WEIHNACHTSZEIT
Der größte Teil des Jahresumsatzes wird auch bei Amazon in der Weihnachtszeit erzielt. Nachdem Amazon in den letzten Quartalen regelmäßig die Erwartungen um über 30% übertreffen konnte, rechnet man auch für das laufende Quartal mit einem guten Ergebnis.
30% besser als von bezahlten, professionellen Analysten erwartet, ist schon eine gute Leistung. Diese Analysten beobachten den Markt und die Wettbewerber und ziehen daraus ihre Schlüsse. Sie sprechen mit dem Unternehmen und gleichen ihre Einschätzungen ab. Da gibt es nicht viel, was ein Unternehmen noch verstecken kann. Lediglich wenn das Unternehmen wesentlich besser abschneidet als die Branche kommen solche großen Überraschungen zustande.
Und dies ist Amazon wiederholt gelungen. Schauen Sie sich eBay an: Das Unternehmen versucht verzweifelt, den Umsatz seines Einzelhandelsnetzes zu steigern, doch als Auktionshaus ist das schwer. Darüber hinaus hat Amazon einfach eine gute Abwicklung und steht bei den meisten Produkten für eine schnelle, kostengünstige Lieferung ein. Da kann eBay nicht mithalten.
Solche Überraschungen sind in dieser Berichtssaison sonst nur Apple und Google gelungen. Nun gibt es eine Menge Hedgefonds und Momentum-Jäger, die Aktien kaufen, die gerade einen Lauf haben. Und bei Amazon stehen die Zeichen weiterhin auf Grün, denn das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür.
Ich erwarte für die nächsten zwei Monate, dass Apple, Google und Amazon drei der wichtigsten Aktien an der Börse sein werden. Wann immer für den breiten Markt steigende Kurse erwartet werden, wird sich die spekulative Gemeinde der Trader auf diese drei Aktien stürzen, um möglichst überproportionale Gewinne einzufahren.
Dies wird solange funktionieren, bis eines dieser drei Unternehmen eine enttäuschende Meldung ausgibt, oder aber bis Weihnachten ist.
FAZIT
Bezos wird Amazon auch in den nächsten Jahren weiter ausbauen, das heutige Kursniveau wird sich sicherlich in ein paar Jahren als günstig herausstellen. Doch mittelfristig ist der Kurs zu stark angesprungen: Ein KGV 2010e von 50 ist selbst für einen Branchenführer zu hoch.
Kurzfristig hat Amazon die Trader-Gemeinde hinter sich, denn das Unternehmen bringt all das, was sich ein Trader wünscht: Umsatzwachstum und eine wachsende Wachstumsgeschwindigkeit. Gewinnwachstum und auch dort eine wachsende Geschwindigkeit. Und auch die Gewinnmarge, wenn sie auch klein sein mag, wächst derzeit etwas an. So stehen die Zeichen auf Wachstum. Doch wer den Markt des Einzelhandels kennt, der weiß, dass die Margen nicht zu stark wachsen können und somit wird diese Entwicklung schon bald ein Ende haben. Kurzfristig kann man gerne in der Aktie spekulieren. Doch nach Weihnachten, vielleicht schon ein paar Wochen zuvor, dürfte der Kurs seinen Wachstumspfad verlassen. Es stehen dann zumindest ein paar Quartale mit einer Seitwärtsbewegung bevor, wenn nicht sogar eine Korrektur folgt.
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