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20. November 2008 09:44
Ein Beispiel für Strukturelle Gewalt
Hin und wieder ist er gut und spannend, der neue Club 2.
Gestern wurde unter der Leitung von Renata Schmidtkunz diskutiert, meist verkürzt, wie das bei Gesprächsrunden der Fall ist, die kein so wirklich offenes Ende haben und im Fernsehen übertragen werden.
Ich möchte einen Punkt herausgreifen: Erhard Fürst von der Industriellenvereinigung wurde vorgeworfen, dass multinationale (Industrie-)konzerne am Elend der 3. Welt zumindest eine Teilschuld haben. Dies wurde von ihm zurückgewiesen mit zwei Begründungen:
1. In der Kolonialzeit wären die reichen Europäer zwar schon böse gewesen (im Sinne von Ausbeutung), dies wäre aber schon zu lange her, um heute noch eine Rolle zu spielen.
2. Nicht böse westliche Konzerne wären Schuld, sondern die korrupten Regierungen dieser (z.B. afrikanischen) Länder.
Jean Ziegler warf daraufhin ein, dass dies alles gut und schön wäre, Fürst aber auf das strukturelle Problem vergessen würde.
Fürst verstand hier nur Bahnhof, daher möchte ich ihn gerne aufklären, idealerweise mit eine Geschichte:
Bei jedem meiner Afrika-Besuche fahre ich durch diverse Vororte von Nairobi (Kenia). Dort sitzen sehr wohl multinationale Konzerne wie etwa Coca Cola. Es gibt dort auch eine große Menge armer und sehr armer Menschen. Ziegler meinte, alle 5 Sekunden würde auf dieser Welt ein Kind an Hunger sterben, die Nahrungsressourcen unserer Welt würden jedoch (bei entsprechender Verteilung) 12 Milliarden Menschen ernähren können - das wäre aus seiner Sicht das strukturelle Problem.
Nun sehe ich regelmäßig am Straßenrand (Limuru Road, Waiaki Way, Thika Road, Mombasa Road etc.) riesige Werbeplakate, viele Meter hoch. Ein Bild hat sich bei mir für immer eingeprägt: zwei kleine Kinder sitzen im Schatten eines riesigen Coca Cola Plakats. Sie sind extrem dürr plus dickem Bauch (Hungerödem).
Das Problem, das Fürst nicht verstanden hat, ist nun folgendes: Wenn man diesen Kindern Geld gibt, dann ist das erste, was sie damit machen, eine Dose Coca Cola zu kaufen. Natürlich, so könnte man mit Fürst quasi neo-liberal antworten, sie müssen ja kein Cola kaufen, sie könnten auch Erdäpfel, Maismehl oder eine Hacke für die Feldarbeit kaufen - schließlich ist der Mensch ja frei in seinen Entscheidungen.
Dass dem nicht so ist, verdeutlicht das strukturelle Problem in Form der so genannten "Strukturellen Gewalt", die stets von oben nach unten ausgeübt wird, und die beinhaltet genau dieses Freiheitsproblem (eine Straße, an der besonders viele dieser und ähnlicher Plakate herumstehen, ist übrigens der "Uhuru-Highway", der mitten durch Nairobi führt. Pikanterweise heißt "Uhuru" auf Kisuaheli "Freiheit").
Genau genommen bringt Coca Cola den Menschen in Nairobi ja nur leckere Limonaden - die sollten froh sein über diese Gabe aus der Zivilisation, an der sie mitnaschen dürfen (sofern sie Geld haben, um sich das leisten zu können).
Auf die Frage, warum es bei uns anders wäre, meinte Fürst nur, das hätte mit vielen Dingen zu tun, etwa mit der Aufklärung, die uns Europäer zu modernen Menschen mache - und die fehle den Negerlein in Afrika halt noch (Negerlein hat er nicht gesagt, das ist meine Interpretation).
Das strukturelle Problem (in Form der strukturellen Gewalt) darf ich noch einmal in die Diskussion bringen. Für Johan Galtung liegt sie dann vor, "wenn Menschen so beeinflusst werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung." (Johan Galtung: Gewalt, Frieden und Friedensforschung, in: Dieter Senghaas (Hrsg.) - Kritische Friedensforschung, edition suhrkamp 478, Frankfurt/Main 1971, S. 57)
Das ist genau das, was Coca Cola und andere multinationale Konzerne ausüben. Durch ihre Marktmacht nehmen sie den Menschen - zumindest teilweise - ihre alten, sie schützenden Strukturen weg, ersetzen sie aber nicht durch neue, für diese Menschen brauchbare Strukturen. Sie geben ihnen sozusagen Coca Cola statt Essen.
Es ist übrigens nicht so, dass dort die Menschen vorher gefragt wurden, ob sie das auch wollen. Hier irrt Fürst, die Kolonialzeit hat den Nährboden geliefert, auf dem heute in nahezu allen Entwicklungsländern (ein leicht zynischer Ausdruck) Mächte und Machtverhältnisse entstehen.
Also, lehnen wir uns entspannt zurück und öffnen eine gut gekühlte Dose Cola. Schließlich betreffen diese Probleme Länder, die weit weg von uns sind.
Herrn Fürst von der Industriellenvereinigung, der so viele Dinge nicht sieht, obwohl er ein intelligenter Mensch ist, rate ich zu guter Lektüre, die ihm vielleicht die Augen öffnet. Antoine de Saint-Exupéry etwa lässt seinen kleinen Prinzen sagen: "Nur mit dem Herzen sieht man gut."
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