Alle Einträge dieses Autors nach
» Datum
» letztem Posting
» # Postings
» Abrufen
sortieren
310
views
views
15. Juni 2008 23:31
Sonntag, 15.6.08, Otto macht seinen Wochenendspaziergang vom Schwedenplatz zum Stephansplatz. Nieselregen. Wenige Leute auf der Strasse. Viele sitzen brav in den überdachten Schanigärten und schauen raus, wie die anderen nass werden. Friedliche Fans. Bissl depressiv halt, weil es am nächsten Tag gegen die Österreicher geht, bei denen man nicht so genau weiss, woran man ist. Unberechenbar. Besingen einen Sieg vor drei Jahrzehnten im fernen Argentinien, mit einem Tor Vorsprung. Der Gauchito war damals das Maskotchen der WM, die Plastikfigur als Schlüsselanhänger. Und die Kinder und Kindeskinder werden noch diesen Sieg preisen.
Im deutschen Fanguide wird Österreich so beschrieben: "Komm süßer Tod. Bei der WM 1998 in Frankreich konnten drei Tore in drei Spielen (jeweils in der 90. Minute!) das vorzeitige Aus allerdings nicht verhindern. Seitdem ist eine neue, junge Spielergeneration herangewachsen, über die man nicht viel weiß. Vielleicht gelingt es ihr zusammen mit einem ausgehungerten, hysterischen Publikum das Land endlich aus der "Cordoba"-Sentimentalität zu reißen und den Tagträumereien Servus zu sagen. Fußball ist mehr, als einen Sieg über Deutschland 30 Jahre lang zu feiern."
Nun ja, was ein richtiger Österreicher ist, der fängt halt erst zu Arbeitsende richtig zu hackeln an, damit es so richtig knallt, wenn er den Hammer fallen lässt. Alles Strategie: die anderen in Sicherheit wiegen, und im letzten Moment losschlagen. So wie´s der Otto so gern macht, seit er einen Broker hat, bei dem man wenige Sekunden vor Ende der Schlussauktion noch eine Order aufgeben kann, die ankommt und auch ausgeführt wird. Die hektische Aktivität zu Betriebsschluss, die taugt mir total. Wenn alle bereits einpacken, packt der Otto aus, und wenn´s keiner erwartet, schlägt er zu. Mit einem Schachzug verwandelt er den Tagesschlusskurs, und die Welt wundert sich. Na ja, falls sie Notiz davon nimmt, zumindest dann halt.
"Österreichs Sturmlegende Toni Polster" wird im Fanguide zitiert: "Das ist Wahnsinn! Da gibt´s Spieler im Team, die laufen noch weniger als ich!"
Wie gesagt, es ist ruhig in der Innenstadt am Nachmittag. So ruhig, dass ich´s schon fast unleidenschaftlich, euphorielos oder gar fad nennen würd. Ach ja, das erste Carlsberg-Bier seh ich heut in der Rotenturmstrasse. Irgendwem hat´s so geschmeckt, dass er´s bis dorthin mitgenommen hat. Der Eissalon macht Werbung mit einem Schwechater Dosenbier "Nur 2 Euro!". Aber auch der Gourmet-Spar am Fleischmarkt hat am Sonntagnachmittag offen, sehr grosse Bierauswahl, fast alle Sorten um weniger als 1 Euro. Weiss nicht, ob das stimmt, aber in der Zeitung steht, dass es eine ortspolizeiliche Verfügung gibt, dass in Supermärkten an Fans (die als EM-Besucher erkennbar sind) kein Alkohol verkauft werden dürfe. Um das Geschäft der Fanzonen zu sichern. Und bei "Hinterholz Acht" (Schnitzelpreise EM-angepasst) kostet das Krügel Bier 2,80 Euro. Da kann man sich sogar niedersetzen.
******************************************************************
Die Medien sind sowas von unberechenbar: An einem Tag jubeln sie einen in den Himmel, am nächsten Tag lassen sie einen fallen wie einen fauligen Erdapfel. So gesehen bei den Otto-Lobpreisungen.
Toni Polster am Samstag in "Österreich": "König Otto kann wieder alle überraschen", "Ich bin überzeugt, dass Otto auch diese Mal einige Überraschungen parat hat.", "der mit allen Wassern gewaschen ist. König Otto wird in Griechenland verehrt wie der liebe Gott.", "König Otto. Es gibt kein Gesetz, das dem Europameister verbietet, erneut den Titel zu holen, so der 69-jährige Teamchef, der sein Erfolgsrezept nicht geändert hat."
Die Sonntags-"Krone" dagegen vermiest mir das Frühstück mit der Schlagzeile "Gute Nacht, Otto". Nicht grad die feine Art. Ich hätte mir ein aufmunterndes "Guten Morgen, Otto" erwartet.
******************************************************************
An Fangesängen gefällt mir im Moment am besten die Musik zur Fernsehwerbung von Bet-at-home. Wo eine Deutsche und ein Österreicher zum Spiel rennen, beide kommen an, fallen einander in die Arme und küssen sich.
Und zur Entspannung (und um meinen Nachbarn zu zeigen, was gute Fanmusik ist) hör ich mir gern die Musik einer nichteuropäischen Nationalmannschaft an. Friedlich, ja, und eigentlich neutral, sie können eh nicht Europameister werden:
http://cfs1.planet.daum.net/upload_con...
Freilich, zuerst einmal auf Montag einstimmen, als Patriot:

Thema Nr. 1 beim Fan-Bus der Deutschen: In Österreich sollen sich (laut Zeitungs-Doppelseite) Zecken herum treiben. Impfung gibt´s im Bus keine. Dann halt bis morgen warten, bis die Ärzte aufsperren. Und bis dahin halt nicht in echtes Gras treten, nur über Kunstrasen schreiten. An dem beissen sich die Zecken die Zähne aus.

Dieser Fan zeigt dem Rassismus die Rote Karte, lobenswert. Ansonsten ist er etwas demotiviert. Im Rucksack hat er (für mich von hinten gut sichtbar) bereits die schlechte Nachricht einstecken. In Form der Sonntags-"Österreich"-Zeitung mit der Schlagzeile: "Mach´s noch mal, Ivo"

Vor dem Spiel gegen die Ösis haben sie zu Recht grossen Bammel: "Es geht morgen um ALLES! Wenn Deutschland gegen Österreich verliert, ist die EM vorbei." Die Frauen sind schuld, wie immer. Die Spieler können sich nicht konzentrieren, wenn Schlachtpläne entworfen werden, wer nächste Woche den Mistkübel runter bringt und wer den Abwasch macht.

10 österreichische Spieler + einen, der Deutschland zuliebe Eigentore schießt, kalkuliert Deutschlands Grossformal "BILD" ein. Mit Ivica Vastic rechnen sie nicht, im Gegensatz zu unserem Mittelgrossformat "Österreich".

Meinl am Graben ist gesichert wie Fort Knox, auch Cartier und andere Luxusshops haben zu. Trotzdem ist die EM nur für die wenigsten offenen Shops ein Geschäft: speziell Bekleidungsgeschäfte sind gähnend leer. Mit Ausnahme derer, die ihr Angebot der EM angepasst haben: "Accessoires" war die ganze Zeit bummvoll, da war ein Gehen und ein Kommen, dass ich nicht einmal fotografieren hab können. In einem ruhigeren Moment hab ich abgedrückt.

Friedlich sitzen sie da, man kann Deutsche von Österreichern höchstens an den Farben unterscheiden. Aber die tragen sie fast durchwegs dezent. Es wird nicht geklotzt, sonder gekleckert. Und man kommt ja nach Wien, um es gemütlich zu haben, nicht um Blumenstöcke auszureissen. Nirgends ein Chaos. Hab gezählte 2 Glasflaschen gesehen, und die standen fein säuberlich beim Mistkübel, lagen nicht zersplittert auf der Strasse wie am Kroatien-Sonntag.



Bild vergrössern

»
catalyst
Diese Funktion steht nur eingeloggten Benutzern zur Verfuegung.
Einen neuen Account erstellen.
Ich habe mein Passwort vergessen!